Gestern saß ich im Zug und musste an meine Freundin denken. Nicht aus Liebe, sondern weil sich vor meinen Augen eine Szene abspielte, die sie mir aus ihrer Kindheit so ähnlich erzählt hat. Eine Mutter versuchte ihrer Tochter, die Locken auszubürsten. Gibt es etwas Grausameres?
Draußen schoss die Prärie von Baden-Baden vorbei.
Die Kleine schrie und die Mutter fragte: “Du willst doch schön sein, oder nicht?” Die Kleine überlegte einen Moment zu lang, was die Mutter ihr damit sagen wollte, schon hatte sie wieder diese Rundbürste im Haar. Stumme Tränen rannen über ihre dunklen Wangen. Ich ertrug das nicht und ging mir einen Kaffee holen.
Als ich zurückkam, wimmerte die Kleine: “Mama, Mama”. Aber da saß ja nur diese Frau neben ihr, die ihr die schwarzen Haare glatt machte. Ich fragte die Frau, ob es nicht langsam mal reicht. Was würde sie sagen? Ich erwartete eine reflektierte, wenn auch aggressive Antwort. Die Frau sagte: “Entschuldigung.” Und dann machte sie der Kleinen klar, dass sie aufhören soll zu jammern, weil das den jungen Mann bei der Arbeit stört.
Ich klärte das Misssverständnis auf, hatte das Gefühl, jetzt etwas zu freundlich zu der Frau zu sein und die Kleine zu verraten. Ich sagte, dass sie eine sehr hübsche Tochter hat, mit schönen Locken, und dass ich nicht verstünde, warum sie diese auskämmt. Sie sagte: “Das müssen Sie auch nicht.” Und malträtierte die Kleine nun um so härter. Die Kleine spürte instinktiv, dass ich ihre Mutter angegriffen hatte, verstand aber nicht warum. Sie hielt sich an ihr fest und ertrug stumm die Qualen. Das ging so bis Mannheim, dann brach die Bürste entzwei. In Frankfurt/Flughafen stiegen sie aus.
Als ich in Köln ankam, konnte ich nicht anders, ich zog das schreckliche Ding aus dem Mülleimer, aus dem es ohnehin halb herausragte. An einigen Haaren klebt Blut.
Ich packte die Bürste wie ein Mordwerkzeug, das es zu sichern gilt, in meine Tasche, ich weiß nicht genau warum. Nachts dann wurde ich von einem lauten Schrei geweckt. Die Bürste ist jetzt verschwunden. Meine Freundin hat den restlichen Reiseproviant gegessen. Ich trau mich nicht, sie anzusprechen.
Schlagworte: kinderseelen